Tjark Kunstreich hat uns freundlicherweise den Text seines am 17.1. gehaltenen Referates zur Verfügung gestellt. Hier das Ganze zum Nachlesen:
Samstag, 26. Januar 2008
Sonntag, 20. Januar 2008
Meine Kuh, meine Scholle, mein Block? - Letzter Teil unserer Reihe "Die Barbarei des flachen Landes"
Hier die Ankündigung zum letzten Teil und Höhepunkt unserer Reihe "Die Barbarei des flachen Landes". Kommt zahlreich!!!
23.01.2007// Schwabehaus Dessau (Johannisstr. 14)// 19.00 UhrPodiumsdiskussion: „Meine Kuh, meine Scholle, mein Block? - Über den Standortfaktor Heimatbindung“
Mit:
Tom Fischer (Stadtplaner, Siedlungserneuerung Dessau)
Jan Gerber (Politikwissenschaftler, Halle)
Eintritt frei
Info:
Spätestens seit der "Spiegel" im vergangenen Jahr über das "verlassene" und "sterbende Land" berichtete, die "Zeit” fragte, wer sich Städte wie "Altenburg, Torgau, Sangerhausen" in Zukunft noch leisten könne, und die "Süddeutsche Zeitung" in den verlassenen Regionen der Republik einen "Ozean von Armut und Demenz" erkennen wollte, sind "sterbende Städte" in aller Munde. Auch Dessau zählt zu diesen schrumpfenden Orten: Die Einwohnerzahl ist seit 1989 um ein Viertel gesunken; die Stadt ist inzwischen weit von der Großstadtgrenze entfernt. Parallel zum Schrumpfungs- und Entvölkerungsprozess, der nicht nur, aber vor allem im Osten zu beobachten ist, suchen Stadtplaner, Raumpioniere und Stadtentwickler nach neuen Konzepten, wie infrastrukturell geschwächte Regionen belebt werden können. Ihr Zauberwort heißt "regionale Identität". Durch die Wiederbelebung oder die Neuschaffung von Traditionen sollen Heimatbindungen vertieft und Zusammengehörigkeitsgefühle gestärkt werden. Regionale Identität, so wird regelmäßig erklärt, ist eine der zentralen Voraussetzungen regionaler Entwicklung.
Kritiker sehen hinter der Forderung nach regionaler Identität hingegen nichts anderes als das Verlangen nach Lokalpatriotismus. Und Lokalpatriotismus, so erklärt der Politikwissenschaftler Jan Gerber, ist der kleine Bruder des Nationalismus: "Genauso wie Nationalismus ist Lokalpatriotismus nicht nur umso stärker ausgeprägt, je weniger Berechtigung er hat; er ist zugleich ähnlich barbarisch wie der Nationalismus."
Der Stadtplaner Tom Fischer vom Büro für Siedlungserneuerung Dessau und der Politikwissenschaftler Jan Gerber diskutieren vor dem Hintergrund der Entwicklung Dessaus über sterbende Städte, die Möglichkeiten, Aufgaben und Chancen von Stadtplanern und Raumpionieren und die Frage nach regionaler Identität.
Mittwoch, 2. Januar 2008
"Zur falschen Zeit am falschen Ort" - 3.Teil unserer Reihe "Die Barbarei des flachen Landes"
Am 17.1. findet der 3.Teil unserer Reihe "Die Barbarei des flachen Landes" statt. Tjark Kunstreich referiert zum Film, "Zur falschen Zeit am falschen Ort", dieser wird im Anschluß an das Referat gezeigt.
17. 01. 2008// Hochschule Anhalt (Gebäude 11, Hardenbergstr. 11, Dessau-Ziebigk)// 19.00 Uhr
Film: „Zur falschen Zeit am falschen Ort“
(Tamara Milosevic, 2004)
Einführungsreferat zum Film von Tjark Kunstreich (Journalist Konkret, Jungle World, Bahamas u.a.)
Eintritt frei
Die Geschichte der Ermordung von Marinus Schöbel, einem 17jährigen aus dem uckermärkischen Potzlow, hat seit ihrer Entdeckung im November 2002 zu zahlreichen Interpretationen Anlass gegeben. Die Voraussetzung für die unterschiedlichen Erklärungsansätze war aber immer dieselbe: die Tat als einen Akt der Verrohung zu begreifen und die Frage nach dem Warum zu stellen, um sich auf Motivsuche zu begeben. Der Jugendliche wurde von Kumpels umgebracht.Sie hatten ihn an einem Abend Mitte Juli 2002 wegen seiner blondierten Haare und der weiten Hosen zum »Juden« erklärt und ihn gezwungen, in den Rand eines Schweinetrogs zu beißen – die ländliche Version des Bordstein-Kicks. Sie traten gegen seinen Hinterkopf, so dass der Kiefer brach. Hinterher schlug einer der Täter dem noch lebenden Opfer so lange mit einem Stein auf den Kopf, bis es augenscheinlich tot war. Danach wurde der leblose Körper in einer ehemaligen Jauchegrube verscharrt. Erst vier Monate später wurde die Leiche gefunden. Die Täter waren Nazis, einer von ihnen war vorbestraft. Die Brutalität des Mordes kontrastierte schon damals und später während des Prozesses mit der Abgeklärtheit der Lokalpolitiker und Bewohner dieses Landstrichs im Norden Brandenburgs, der einstmals ein agrarisches Zentrum der DDR war.
Die Regisseurin Tamara Milosevic wagt in ihrem Film »Zur falschen Zeit am falschen Ort« einen Blick auf die Potzlower Zustände, wie er radikaler nicht sein könnte. Sie besuchte im Sommer 2004 über den Zeitraum eines halben Jahres Potzlow und beobachtete das Biotop, in dem Marinus Schöbel nicht überlebt hat. Der Film zeigt in strenger Dramaturgie den Alltag von Leuten, die keinen Alltag mehr haben.
"Tamara Milosevics Chronik »Zur falschen Zeit am falschen Ort« dokumentiert den Umgang mit dem Mordfall Marinus Schöbel im brandenburgischen Potzlow. (...) die gelungene Gegenüberstellung der Realität des Täterumfelds, in dem es keine Rückkehr zur Normalität gibt, weil die Normalität gar nicht durchbrochen wurde, mit der Realität des Opferumfelds, in der das Trauma die biografische Kontinuität zerstört hat, ist eine herausragende Dokumentation deutscher Zustände." (Tjark Kunstreich)
17. 01. 2008// Hochschule Anhalt (Gebäude 11, Hardenbergstr. 11, Dessau-Ziebigk)// 19.00 Uhr
Film: „Zur falschen Zeit am falschen Ort“
(Tamara Milosevic, 2004)
Einführungsreferat zum Film von Tjark Kunstreich (Journalist Konkret, Jungle World, Bahamas u.a.)
Eintritt frei
Die Geschichte der Ermordung von Marinus Schöbel, einem 17jährigen aus dem uckermärkischen Potzlow, hat seit ihrer Entdeckung im November 2002 zu zahlreichen Interpretationen Anlass gegeben. Die Voraussetzung für die unterschiedlichen Erklärungsansätze war aber immer dieselbe: die Tat als einen Akt der Verrohung zu begreifen und die Frage nach dem Warum zu stellen, um sich auf Motivsuche zu begeben. Der Jugendliche wurde von Kumpels umgebracht.
Die Regisseurin Tamara Milosevic wagt in ihrem Film »Zur falschen Zeit am falschen Ort« einen Blick auf die Potzlower Zustände, wie er radikaler nicht sein könnte. Sie besuchte im Sommer 2004 über den Zeitraum eines halben Jahres Potzlow und beobachtete das Biotop, in dem Marinus Schöbel nicht überlebt hat. Der Film zeigt in strenger Dramaturgie den Alltag von Leuten, die keinen Alltag mehr haben.
"Tamara Milosevics Chronik »Zur falschen Zeit am falschen Ort« dokumentiert den Umgang mit dem Mordfall Marinus Schöbel im brandenburgischen Potzlow. (...) die gelungene Gegenüberstellung der Realität des Täterumfelds, in dem es keine Rückkehr zur Normalität gibt, weil die Normalität gar nicht durchbrochen wurde, mit der Realität des Opferumfelds, in der das Trauma die biografische Kontinuität zerstört hat, ist eine herausragende Dokumentation deutscher Zustände." (Tjark Kunstreich)
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