Mari Möller hat uns freundlicherweise den Text seines Referates zur Veranstaltung "Das Ostdeutsche Gefühl" zur Verfügung gestellt.
Hier das Ganze zum Nachlesen:
Sonntag, 23. Dezember 2007
Freitag, 7. Dezember 2007
"Das Ostdeutsche Gefühl" - 2. Teil unserer Reihe "Die Barbarei des flachen Landes"

19.12. 2007// Hochschule Anhalt (Gebäude 11, Hardenbergstr. 11, Dessau-Ziebigk)// 19.00 Uhr
Vortrag und Diskussion mit Mario Möller:
"Das ostdeutsche Gefühl. Zum Zusammenhang von Ostidentität und nationalem Sozialismus"
Eintritt frei
Ankündigungstext:
Die Wahlerfolge der NPD und die Brutalität ostdeutscher Dorfdeppen gegen alles »Undeutsche« basieren auf einer autoritären Grundstimmung, die von einem paranoiden Lokalpatriotismus genährt wird. Das ist die Ausgangssituation für die Nationalsozialisierung des Ostens, ohne der NPD als Avantgarde zu bedürfen. Für den Kritiker der Verhältnisse ergibt sich die Notwendigkeit, der Verharmlosung der Pogromstimmung im Osten als „Rechtsextremismus“ entschieden zu widersprechen. Nazi – also nationaler Sozialist - ist keinesfalls nur jemand, der irgendwie »organisiert« ist, mittels Kleiderordnung als »Rechtsextremist« katalogisiert werden kann und NPD wählt. Nazi ist, wer einen deutsch-antikapitalistischen Jargon der Vergemeinschaftung artikuliert und diesen mehr oder minder heftig in die Tat umsetzt. Im Osten ist dieser Jargon nicht etwa eine Minderheitenmeinung, sondern Mainstream.
Unter Rückgriff auf Traditionen der DDR hat sich ein gesellschaftliches Klima etabliert, das sich anschickt, direkt an die für den Nationalsozialismus konstitutiven Prinzipien anzuknüpfen: offensiver Bezug auf die Scholle, Tradition, Gemeinschaft und Arbeitsethos. Der Osten entwickelte sich im Verlauf des Transformationsprozesses zu einer Art Trutzburg, in der kollektiv die eigene Opferrolle beschworen und reproduziert wird, man sich beständig verfolgt oder wahlweise betrogen wähnt, wo jedes individuelle Unglück als Angriff einer äußeren Macht auf das eigene Kollektiv halluziniert wird. Deutsche Ideologie in aller Deutlichkeit!
Sonntag, 2. Dezember 2007
Wiglaf Droste liest im Beatclub
6.12. 2007// Beatclub Dessau (Roßlauer Str.)// 20.00 Uhr
Autorenlesung mit Wiglaf Droste
VVK: 8,- Euro (ggf. zzgl. VVK-Gebühr)/ AK: 10,- Euro
Vorverkaufsstellen:Infoladen Dessau (Schlachthofstr.25), Powderstore (Zerbster Str.2a), Stadtbibliothek Rosslau (Südstr.9)
Mehr Infos gibt's hier:
Samstag, 1. Dezember 2007
Neue Reihe des Salon Bolschewique: Die Barbarei des flachen Landes - Die Provinz zwischen Rückständigkeit und Avantgarde
Die Provinz zwischen Rückständigkeit und Avantgarde
Veranstaltungsreihe
6.12.2007 bis 23.1.2008 in Dessau
6.12. Wiglaf Droste
19.12. Mario Möller
17.1. Tjark Kunstreich
23.1. Podiumsdiskussion: Jan Gerber, Tom Fischer
Ankündigungstext:
Anders als oft behauptet, waren Marx und Engels nicht nur Gegner des Kapitalismus. Sie konnten dem Bürgertum und seiner Produktionsweise durchaus auch etwas abgewinnen. Die Bourgeoisie, so schrieben die beiden 1848 im Kommunistischen Manifest, „hat enorme Städte geschaffen, sie hat die Zahl der städtischen Bevölkerung gegenüber der ländlichen vermehrt und so einen bedeutenden Teil der Bevölkerung dem Idiotismus des Landlebens entrissen". Sie zerstört, wie Marx wenig später hoffnungsfroh erklärte, die „naturwüchsigen Gemeinheiten" – die Bindungen an Blut, Boden, Scholle, Sippe und Stamm – und schafft damit unfreiwillig die Voraussetzungen für die Gesellschaft der Freien und Gleichen.
Heute, anderthalb Jahrhunderte nach der Erstveröffentlichung des Kommunistischen Manifests, gilt nicht nur die Assoziation der Freien und Gleichen als Spleen abseitiger Spinner. Auch die Zivilisierung des flachen Landes, wo eine Feier noch immer erst dann als gelungen gilt, wenn jemand gedemütigt und als Sau durchs Dorf getrieben werden kann, ist aufgrund ihrer offenkundigen Undurchführbarkeit aus den diversen Partei-, Aktions- und Entwicklungsprogrammen verschwunden. Waren ganze Generationen sozialistischer, liberaler und konservativer Ökonomen, Ökonomiekritiker und Provinzlehrer noch davon überzeugt, dass der „Idiotismus des Landlebens" mit Hilfe von Industrieansiedlungen, Mähdreschern und fahrenden Dorfbibliotheken bekämpft werden kann, kann sich heute niemand mehr vorstellen, dass die Einöde der Magdeburger Börde, der Mecklenburger Seenplatte oder des Elbe-Saale-Winkels industrialisiert und damit möglicherweise auch zivilisiert wird. Die berühmten Investoren, die im Provinzwahlkampf vor einigen Jahren noch bemüht wurden, um die Ureinwohner so unappetitlicher Orte wie Schkeuditz, Mötzlich oder auch Dessau von allzu barbarischen Ritualen abzuhalten (Motto: „Der verprügelte Vietnamese von heute könnte der Investor von morgen sein"), existieren inzwischen nicht einmal mehr in der Phantasie der einschlägigen Wahlkampfstrategen. Das Versprechen, Arbeitsplätze zu schaffen, wurde dementsprechend durch die Forderung nach einem Heimatmuseum, der obligatorischen „Resterampe", „infrastruktureller Umstrukturierung" und „regionaler Identität", sprich: Lokalpatriotismus ersetzt. Je weniger Berechtigung dieser Lokalpatriotismus hat, umso vehementer scheint er ausgeprägt; je trostloser die Scholle ist, auf der die Daheimgebliebenen bei Wind, Wetter und Büchsenbier vor sich hinvegetieren statt ihr den Rücken zu kehren, umso aggressiver scheint sich der Stolz auf sie zu äußern.
Doch nicht nur die Landbevölkerung weiß, dass sie keine Zukunft mehr hat. Pflegten die Landsleute bis in die siebziger und achtziger Jahre hinein noch einen schier unerschütterlichen Zukunftsoptimismus, hoffen sie plötzlich überall nur noch darauf, nicht zu verarmen. Auf die Wahlkampf-Parole „Wohlstand für alle" folgte zunächst das Versprechen, dass es niemandem schlechter gehen werde, und schließlich die Forderung, den Gürtel enger zu schnallen.
Weil die Menschen keine Zukunft mehr haben und um die eigene Überflüssigkeit wissen, träumen sie von der Vergangenheit. Vor diesem Hintergrund zieht es nicht nur immer mehr Bewohner der Großstädte dorthin zurück, woher sie auch dem Anschein nach kommen – auf die Dörfer, wo sie in Reihenhaussiedlungen Gemeinschaft und Ursprünglichkeit zu finden hoffen. Auch das Zusammenleben in den Städten wird zunehmend dem Landleben nachgestaltet: Die Mitglieder der diversen Bürgerinitiativen, Kiezmilizen und Stadtteilgruppen unterscheiden sich in ihrem Vorgehen kaum noch von den Bewohnern gallischer Wehrdörfer. Die archaischen Rituale, die lange Zeit vor allem bei der Kirmes oder den Schützenfesten des flachen Landes zu beobachten waren, haben schon vor Jahren Einzug in die Großraumdiskotheken gehalten. Und die persönlichen Abhängigkeitsverhältnisse, die auf dem Land stets in Konkurrenz zur vermittelten Herrschaft des bürgerlichen Zeitalters standen, sind inzwischen auch im urbanen Raum keine Seltenheit mehr. Freie Marktwirtschaft in der Bundesrepublik bedeutet längst, wie Wolfgang Pohrt vor einigen Jahren schrieb, wenn „der letzte Würstchenbudenbesitzer gut gepflegte Kontakte zur Stadtverwaltung, nach Möglichkeit das richtige Parteibuch und ein paar Spendenquittungen braucht, um auf dem Rummel einen Standplatz zu kriegen".
Damit hat sich in verquerer Weise eine Hoffnung derjenigen erfüllt, die einerseits neidvoll auf die Großstädte blicken, ihren Neid andererseits jedoch verdrängen und als Landschaftsplaner, Lokalpolitiker und „Raumpioniere" aus der Not der ländlichen Borniertheit eine Tugend der „regionalen Identität" machen wollen: Die Provinz ist gerade aufgrund ihrer Rückständigkeit zur Avantgarde der allgemeinen Entwicklung geworden.
Weitere Infos zur Reihe sowie die Ankündigungstexte zu den einzelnen Veranstaltungen findet ihr hier:
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